Patagonia & der Snap-T Sweater 

Eine Ikone zwischen Umweltschutz und Straßenmode


Text: Adrian Bianco 

Mode und Trends kommen und gehen. So schnell wie in den letzten Jahren wahrscheinlich sogar noch nie. Wenn es im Jahr 2010 noch ein Roshe Run war, der über mehr als 6 Monate die Straßen und Instagram Streams regiert hat, waren es 2018 dann Dad Sneaker, Tech Wear, High Fashion Brands x Streetwear Brands, unzählige Kollaborationen, Cloud-Rapper-Sonnenbrillen, Bucket Hats, Ugly Sneaker, dann wieder Tech Sneaker, Ringe, Ketten, Camouflage Hosen, Anzughosen, Thrifting, und war da nicht noch irgendwas mit Plateauschuhen, oder war das nie weg?

Streetwear und Mode sind kompliziert geworden, schnell, super schnell, alles ist jetzt Mainstream, manchmal anstrengend, manchmal nervig. Und alles ist viel zu ernst und bis auf ein paar Marken und Marketingaktionen kein bisschen umweltbewusst.

Doch es gibt sie noch! Die guten alten Klassiker. Was jetzt wie ein Werbeslogan aus den 1990er Jahren für eine CD-Box Werbung auf DSF anhört  – only Nineties kids will remember – ist eine fulminate Liebeserklärung an ikonische Designs, Produkte und Stories, die jeden kurzzeitigen Hype, Fast Fashion, Instagram Outfit Posts und den nächsten Trend immer überstehen werden. Timberland Boots werden nie an Style verlieren, eine TNF Nuptse bleibt zeitlos, egal wie viele Kids darin versuchen, wie UK Roadmen auszusehen, eine Levi’s 501 bleibt eine Levi’s 501 und ein Patagonia Snap-T Sweater bleibt der wahrscheinlich zeitloseste und legendärste Fleece Sweater aller Zeiten.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass die meisten der aufgezählten Produkte niemals dafür designed wurden, damit Kids in den 1990er, 2000er, 2010er Jahren und weit in die Zukunft hinaus damit cool aussehen müssen. Kein Mensch dachte beim Designen, Zeichnen und Überdenken der ersten Skizzen an Instagram Likes, Youtube Mode Blogger, Rapper in der Bronx oder Roadmen aus England. Das Produkt wurde aus einem Grund und für einen Nutzen designed und erst nachdem dieser Nutzen erfüllt wurde, gab es Grund genug sich eins oder gleich mehrere dieser besagten Produkte zu kaufen. Fester Halt beim Laufen, warme Glieder beim Wandern, Schutz vor Regen und Kälte, Atmungsaktivität, ein einfacher warmer Pulli – Vintage Kleidung hat ein gewisses Maß an Realness und Romantik, an das viele, nicht alle, modernen Kreationen nicht mehr wirklich herankommen.

An Funktion und Nutzen denken heute nicht mehr viele. Auch welchen Einfluss unser nächster Kauf auf unsere Umwelt hat, wo die Materialien dafür herkommen, wer die Produkte hergestellt hat, und ob wir sie auch noch in zehn Jahren tragen wollen. Warum ein Triple S aus China kommt, fragt niemand, und ob man ihn in fünf Jahren noch anziehen wird? Unwahrscheinlich. Die meisten wollen den Schuh ja nicht mal mehr morgen und manch einer auch gar nicht mal gestern anziehen.

Patagonia ist anders.

Die Marke aus Ventura, Kalifornien steht für komplett andere Werte, eine andere Philosophie, eine andere Weltsicht. Hier geht es nicht um Mode und Trends. Gegründet im Jahre 1973 von Yvon Chouinard, hatte die Marke eine komplett eigene Vision: Die Herstellung funktionaler und nützlicher Outdoor-Kleidung. Und das Ganze unter den bestmöglichen umweltschonendsten Umständen und Produktionswegen. Eine Bergsteiger-Marke, die im Sinn hat, die Berge, Täler und Wälder zu schützen, die ihre Konsumenten besteigen, wandern und erklettern. Ein eigentlich sehr logischer Ansatz, wenn man es sich mal genau überlegt. Die ein oder andere Streetwear-Marke könnte jetzt durchaus zu überlegen anfangen, wie sie unsere Straßen sauber halten kann, aber bleiben wir bei Patagonia.

Die Vision, die Yvon Chouinard schon bei der Gründung der Marke hatte, Funktionalität zu schaffen, unsere Erde dabei passiv zu schonen und aktiv dabei zu helfen die Erde zu retten, ist bis heute noch Herz und Kern Patagonias. Da wäre zum Beispiel ihre 1% For The Planet Aktion, die seit 1985 über 89 Millionen Dollar gesammelt hat und das Geld an lokale und internationale Umweltorganisationen gespendet hat. 1% der weltweiten Sales Patagonias gehen so jährlich an einen guten Zweck. Ob du willst oder nicht, dein nächstes Snap-T hat einen kleinen Impakt für den Planeten. Mit ihrer Worn Wear Aktion hilft Patagonia aktiv dabei ihre eigenen Produkte oder auch Markenfremde zu reparieren. Kümmere dich also lieber um deine alten Klamotten, bevor du neue kaufst. Es kommt nicht oft vor, dass eine Marke dich aktiv davon abhalten will, ihre Produkte zu kaufen.

Alles was du heute von Patagonia kaufst, kannst du morgen noch reparieren lassen, auch übermorgen oder in vier Jahren. Oder du kaufst gleich etwas aus ihrem Worn Wear Shop, der nur mit alten wieder aufgefrischten Teilen arbeitet. Gib deinem Produkt ein zweites Zuhause. Recycle Leben in deinem Kleiderschrank und trage Klamotten, die davor schon jemand getragen hat

Die Marke aus Kalifornien hat so irgendwie überhaupt nichts mit dieser Modewelt, mit Trends, mit der Schnellebigkeit dieser Branche, mit dem Drang und Hang dazu, cool zu sein, zu tun – das will Patagonia auch gar nicht. Das muss Patagonia auch gar nicht. Mit einem Fokus auf ihre eigenen Werte – wichtige Werte – und einem Fokus auf Funktionalität, Tragbarkeit und Umweltschutz hat Patagonia viel wichtigere Eigenschaften und Attribute.

Aber, ob Patagonia jetzt will oder nicht, sie haben trotzdem einen dieser besagten Klassiker geschaffen. Einen Design-Klassiker. Ein Produkt, das einem klaren Nutzen zufolge designed wurde, sich dann auf Abwegen aber sein ganz, ganz eigenes Eigenleben geschaffen hat und zu einer Ikone geworden ist.

Wir reden hier vom besagten Snap-T Fleece, dem Fleece aller Fleece. Ein Fleece, um sie zu knechten, sie alle zu finden, auf die Berge zu treiben und ewig zu binden. Ich bin mir by the way sicher, der ein oder andere Hobbit würde Patagonia tragen. Wahrscheinlich alle. Spaß beiseite, es gibt wohl tatsächlich keinen Fleecepullover der sowohl die Berge wie auch die Großstädte mehr für sich gewonnen hat und immer noch regiert, wie das Snap-T. Von seinem ikonischen Design, der kleinen Brusttasche, den unglaublich verschiedenen Farbgebungen und seinen etlichen kulturellen Errungenschaften und Verbindungen in Musikvideos, 1990er Jahre Sitcoms, Modezeitungen und neuzeitlichen Instagram-Streams. Das Snap-T ist Kult und hat mittlerweile Meme-Status erreicht – der Goldstatus des Jahres 2019. Google einfach mal Fleece und Meme oder schau dir die Stories begeisterter Outdoorfans auf Instagram an. Ja, es gibt Fleece Memes.

Wie konnte das also passieren, warum wurde dieses Fleece so legendär, was ist die Geschichte dahinter und wie schreibe ich darüber, ohne dabei zu viel über Mode, Trends und Streetwear zu sprechen? Da steht Patagonia wie gesagt drüber, und das respektiere ich sehr. Let’s try.

Alles fing 1985 an. Ein Material, das leichter als Wolle sein sollte, genau so warm, dafür aber schneller trocken und einfach in der Handhabung und Pflege. So ungefähr muss es auf einem Ideen Board im Patagonia Headquarter gestanden haben. Die Antwort war Malden Mills und ihr Gründer Aaron Feuerstein – ich nenne ihn einfach mal den Errolson Hugh des Fleeces. Zusammen mit besagten Textil Fabrikanten entwickelte Patagonia Synchilla, synthetisches Chinchilla. Schwer auszusprechen, aber seiner Zeit weit voraus.

Dieses Fleece stand für oberste Funktionalität, Nutzen und schlaues Design. Damals gab es wahrscheinlich den Begriff Techwear noch nicht, aber dieses ikonische, bequeme Fleece, das brav an Bergsteigern, Wanderern, deinem Onkel und deiner Tante prangte, war eins der ersten technischen Garments und damit ganz schön cool für »nur ein Fleece«. Das Fleece traf den Nerv der Zeit: Der hohe Reißverschluss und Kragen, die unglaubliche bequeme Tragbarkeit, die Wärme trotz Kälte und Feuchte, und nicht zuletzt die vielen Farben – das Fleece wurde zum Gipfelstürmer.

Über die Zeit kamen natürlich Erweiterungen hinzu. Neue Farben und Modelle, wie das Diamond Quilt Pullover Snap-T® und das Synchilla® Tri-Color T-Neck und dann 1989 endlich die ikonische kleine Brusttasche, die alles sicher und trocken hält. Den Autoschlüssel draußen in der Natur und die ein oder anderen Naturalien irgendwo in der Großstadt – aber wir wollen ja nicht über Mode und Straßenkultur reden.

1994 ist dann ein besonders Jahr für unser Snap-T gewesen. Die Vision Yvon Chouinards von Nachhaltigkeit und Patagonias Wunsch, die Berge und Natur nicht nur zu besteigen, sondern auch zu schützen, bringt ein besonderes Update bevor. Als erste Outdoor Company überhaupt nutzt Patagonia recyceltes Plastik, um ihr Fleece Snap-T herzustellen. 1994 und schon so der Zeit voraus. Was heute viele Brands noch gar nicht auf dem Schirm haben, nahm bei Patagonia schon 1994 erste Züge an. Die Wiederverwendung von Plastik, Recycling, der Wunsch, nachhaltig zu produzieren und die Umwelt zu schonen.

Auch die weiteren Jahre trotzen nur so von Innovationen und Erweiterung. Erweiterte Taschen, Kapuzen, mehr organische Materialien wie im 2013 für den Diamond Quilt Snap-T® Pullover zum Beispiel.  2014 und die weiteren Jahre dann eine Down Version, eine Cashmere Version ein eine komplette Wollversion des Snap-T. Über 30 Jahre alt und das Snap-T bewegt sich immer noch nach vorne, wandelt sich mit der Zeit – Funktionalität schläft nicht und genau so wenig das Umweltbewusstsein. Über 30 Jahre Snap-T und eine Vison: Funktionale Outdoorkleidung und Umweltbewusstsein.

Und wir haben trotzdem so gut wie kein Wort über Mode verloren, kein Wort über die verschiedenen Colorways, den IVY League Trend der von den USA nach Japan und wieder zurück nach Amerika und den Rest der Welt schwappte, College-styles, FRIENDS, Shia Labeouf, Drake, Kanye West und die Kardashians in Patagonia. Die Konnektivität von Streetwear, Workwear und Outdoor Bekleidung, warum wir funktionale Kleidung lieben, welchen Einfluss Hip Hop, Rap, Gangster und Gang Starr auf unsere Kleidung haben und warum so viele Streetwear Fans Brands wie Patagonia, Carhartt WIP, The North Face oder Dickies so lieben.

Man könnte auch darüber reden wie unglaublich gut es tut, sich etwas zu kaufen, das eben nicht dafür designed wurde, limitiert zu sein, ausverkauft zu sein, das nicht den Regeln des Hypes folgt, das keine Kollaboration braucht um auf den Radars der Trend-Süchtigen zu landen. Wie gut es tut, auch manchmal etwas zu kaufen, dass sich jeder kaufen kann. Etwas Bequemes, Funktionales, das trotzdem, richtig kombiniert, ziemlich fresh aussehen kann. Auch mit limitierten Sneakern zusammen, is’ ok.

Man könnte über so viel Zeitgenössisches reden, warum Patagonia da ist, wo es jetzt ist. Doch das wird alles nicht dem gerecht warum Patagonia wirklich hier ist, und warum sie es immer noch schaffen, in diesem ganzen Mode-Wahnsinn eine feste Größe zu sein – ohne gar nicht dabei sein zu wollen. Der Spieler des Spieltags, ohne Mitspielen zu wollen sozusagen.

Patagonia und das Snap-T sind einfach gut, funktional, erfüllen einen Zweck und helfen aktiv dabei die Umwelt zu schonen. Gutes kann so einfach sein. Wo wir wieder bei 1990er Jahre Werbungen und schlechten Werbeslogans wären…

Das Snap-T bleibt ein Klassiker und eine Ikone und vielleicht wird es jetzt auch Zeit für ein Fleece für dich.

 

Mehr über die Worn Wear Initiative von Patagonia:

Entdecke Patagonia bei HHV: www.hhv.de/shop/de/patagonia

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