The Unisex Conversation

Frauen & Streetwear


Text: Adrian Bianco 

Es ist 2019 und ein Mann schreibt einen Text über Frauen und Streetwear. Was nach einer Zündschnur riecht und heikel enden könnte – und mich selber erst lange hat überlegen lassen über das ob und wie – ist an sich recht simpel: Beides gehört zusammen, ist selbstverständlich, aber noch nicht ganz bei jeder Brand und jedem Shop angekommen.

Natürlich hat sich in der Szene viel getan, ganze Women-Only Sneaker Shops haben aufgemacht, die großen Marketingbudgets der großen Brands haben sich auch mehr auf das weibliche Geschlecht verteilt. Mehr Frauen, Künstlerinnen und Female Movements bekommen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Von Alexandra Hackett AKA Mini Swoosh, Danielle Cathari für adidas, Aleali May für die Jordan Brand, Lauren Yates für die gesamte Workwear Welt und einer ganzen Riege an weiteren Designerinnen die am kontemporären Design von heute und morgen schrauben, ist der weibliche Einfluss zunehmend gewachsen. Dann gibt es da noch eine extrem erfrischende Mischung aus Kreativen, Influecerinnen und Bloggerinnen, die dem Streetwear Kosmos viel mehr Farbe, Kreativität und frischen Wind einpusten. Von Selma Kaci Sebbagh aus Paris bis hin zu Kicky Yang Zhang aus Berlin, weibliche Streetwear-Influencer haben den Männern schon lange den Rang abgelaufen und deutlich mehr zu bieten als 100 Jungs, die sich die Hand vors Gesicht halten und dabei OFF White tragen.

Darüber hinaus vermitteln Frauen in Streetwear eine ganz eigene Botschaft, Sprache und repräsentieren ein etwas anderes Vorbild, wenn man sich andere Modewelten ansieht. Das Frauenbild in Fashion-Welt hängt trotz ihrer Ikonen wie Rei Kawakubo, Vivien Westwood und neuen Talenten wie Emily Bode und Laura und Deanna Fanning trotzdem immer noch sehr stark an Models, Schlankheitswahn und Schönheitsidealen fest, die fernab von ideal für Körper und Seele sind. Und auch wenn stumpfer Sexismus noch nicht ganz aus der Streetwear-Szene wegzudenken ist – das ein oder andere Lookbook oder diese schrecklichen Sneakerbilder mit Frauen in Unterwäsche – haben Frauen in der Streetwear doch ein komplett anderes Selbstverständnis als auf Mailänder Laufstegen.

»Bin ich schön genug, schlank genug? Kann ich so rausgehen?«, all das findet nicht wirklich in der Streetwear-Szene statt. Streetwear ist nicht wirklich für Körpertyp A, B oder C designed, sondern meistens einfach nur gemütlich und funktionell. Darüber hinaus spiegeln die jungen Streetwear-Designerinnen und Kreativen ein Weltbild und eine Haltung wider, die eine ganze Generation von Mädchen und auch Jungs positiv beeinflussen wird: »Tu es einfach, scheiß drauf.« Was sich wie die Straßenversion des Nike Slogans anhört, ist das Selbstbewusstsein, das Frauen in 2019 in der Streetwear-Szene repräsentieren. Und irgendwie ist das alles ja auch erst der Anfang. Frauen in Streetwear mischen die Szene auf und sind aus ihr nicht mehr wegzudenken. Punkt.

Und trotzdem bin zumindest ich noch nicht komplett zufrieden damit, wie das Thema von Brands vor allem mit Blick auf Produkte und Colorways durchgezogen wird. Warum mich das juckt, könnte sich der ein oder andere fragen? Ich bin ja schließlich ein Mann und kann easy zu unseren eigenen vermeintlich besseren CW’s und Releases greifen. Die Antwort ist relativ simpel und an sich auch sehr beschreibend für den Denkfehler, den viele Brands noch immer machen: Ich mag Streetwear. Und Streetwear hat für mich im Kern kein Geschlecht, für das die Mode, Sneaker, Taschen, Hosen, Sweaters etc. designed wurden. Natürlich ist es in Ordnung, dass es für Frauen geschlechtsspezifische Items gibt. Ein Top, Rock, oder Kleid werden zumindest noch nicht ganz in jedem männlichen Kleiderschrank gebraucht – auch wenn uns Jaden Smith, Luka Sabbat oder Yung Thug mittlerweile bewiesen haben, dass auch ein Mann alles tragen kann, will und darf.

Es ist wie gesagt schön, dass es Stüssy Women gibt und Johanna F. Schneider das Nike Women’s Tech Pack entwirft (wenn wir es genau nehmen reden wir hier eh von Sportswear), woran es aber trotzdem noch hakt, ist die Verfügbarkeit aller General Releases, die es in Männer Größen gibt, auch für Frauen. Es leuchtet ein, dass es die ein oder andere Leggins oder ein Top nicht für Männer gibt, aber dass ein Großteil aller Männer-Designs nie in Frauengrößen erscheinen, ist kompletter Schwachsinn.

Jeder kann und darf tragen was er will, aber wenn es um Frauen und Streetwear geht, kommt es mir immer noch so vor, als ob Brands davon ausgehen, dass nur sie ganz genau wissen, was Frauen wollen und wie das auszusehen hat. Und so einfach ist das Ganze nicht. Noch immer gibt es zahlreiche Releases, die von den Brands in zwei Lager eingeteilt werden: Zu einem großen Teil neutrale bis peripher bunte Colorways für Männer und samtige, milchige, rosige, sanfte Pastelltöne für Frauen. Blau und Schwarz für uns Männer, Pink und Babyblau für Frauen. Was bei Sneakers anfängt, zieht sich bis zu Sweatshirts und T-Shirts durch. Entweder Frauen finden nicht die Größe, die sie wollen – es gibt sie schlichtweg nicht – oder es gibt eben ein bunt gefärbtes weibliches Gegenstück.

Zumindest ich finde den Großteil der women-only colorways für Frauen schrecklich. Nicht weil ich ein Mann bin, nein, sondern weil ich sie einfach schrecklich finde. Ist so. Oder in kurz: Nicht jeden Tag scheint uns die Sonne aus der Zahnlücke und ein schlichter dunkler CW war noch nie verkehrt.

Natürlich, ihr merkt bereits, ich bin vorsichtig, denn die ein oder andere wird Pink und Co mögen und das ist auch ok. Es geht hier eher darum, dass diejenige, die nach den etwas ruhigeren Farben sucht, bei vielen Releasen etwas alt bzw bunt ausschaut. Dass Männer die vermeintlich besseren CWs bekommen, sollte doch auch mittlerweile über Diskussionen aus Streetwear Facebook Gruppen und Instagram-Kommentar-Spalten fast jedem Designer oder jeder Brand bekannt sein. Und dennoch: Einen passablen women-only CW zu finden bleibt zum Teil immer noch eine Herausforderung bis hin zu einem Akt der Unmöglichkeit. Ich habe die Hälfte meiner Zeit in dieser Branche in Sneaker Shops gearbeitet und wirklich leicht haben es unsere Sneaker-Lager den Frauen nie gemacht.

Deshalb: Don’t pink it, don’t shrink it. Streetwear muss nicht neu angemalt werden, um Frauen zu gefallen. Es muss auch nicht alles anders geschnitten sein. Es muss überhaupt gar nichts, denn Streetwear ist so geschlechtsneutral wie ein gemütlicher grauer Hoodie. Wenn man es genau nimmt, ist Streetwear ein gemütlicher grauer Hoodie. Und kein Mensch verlangt von Brands, ihn für Frauen pink anzumalen und oder ihn einem Geschlecht zuzuordnen.

Wenn man konsequent Frauen in Streetwear anerkennen und die großen, oben genannten Namen respektieren und ehren will, ihrer Vision folgen und wertschätzen will, was Frauen für Streetwear tun – dann lasst Frauen einfach etwas designen, zeichnen, malen oder was auch immer. Lasst sie aktiv ein Teil der Streetwear sein und nehmt das genau so selbstverständlich hin, wie es eben selbstverständlich ist. Frauen in Streetwear gehören zur Streetwear, ohne dass Brands uns erzählen müssen, wie das auszusehen hat. Anstatt dass Streetwear irgendein Geschlecht einnimmt, ist es nämlich erstmal nur eins: Cozy. Bequem. Gemütlich. Strasse. In meinen Augen eine einfache Designsprache. Gar nicht so kompliziert, oder? Also macht es euch nicht so schwer, liebe Brands, und denkt etwas größer, universeller und geschlechtsneutraler.

In diesem Sinne: »Stay cozy« und tragt was ihr wollt. Und liebe Brands, gebt ihnen was sie wollen.

Adios

Collagen: Esra Erdugan

HHV Women